Sonntag, 7. Mai 2023

LARS JESSEN „Mittagsstunde“

LARS JESSEN KINOGESPRÄCH über den Film „MITTAGSSTUNDE“ im BURG KINO auf Fehmarn am 30.Oktober 2022.

Postermotiv „Mittagsstunde“. Quelle: moviepilot 

Lars Jessen hatte 2022 mit seinem Film „Mittagsstunde“ den erfolgreichsten deutschen Arthaus-Film vorgelegt. Einer von den 300.00 Zuschauern war ich. In Burg auf Fehmarn wollte ich die Verfilmung nach dem Bestseller sichten. Ich war aber eher an dem Kino interessiert, denn ich liebe die alten norddeutschen Lichtspielhäuser, die früher eine Bestellung und Bedienung am Platz anbot.

An jenem Abend war Lars Jessen persönlich vor Ort und der Kinoinhaber Hans-Peter Janssen, der auch die schönen Programmkinos Studio und Elbe in Hamburg betrieb. Sie zeigten die Geschichte sogar im norddeutschen Platt. Mit Lars habe ich vor vielen Jahren mal in einer privaten Hobbyfußball-Gruppe gekickt. So war es auch in diesem Sinne ein schönes und unerwartetes Wiedersehen, denn geplant war es nicht.


Zuschauerin: Mich würde interessieren, wie die Zusammenarbeit mit Charlie Hübner war? Der ist ja so mit einer der größten Schauspieler, die wir hier in Deutschland haben. Wie hat er sich für den Stoff und für den Film entschieden?

Jessen: Ja, ich kenne Charlie Hübner ja schon ziemlich lange, seit über 20 Jahren. Er hat einer seiner ersten Rolle im Fernsehen bei mir gespielt, damals eine stumme Rolle im Großstadtrevier. Das war die Rolle eines Country-Musikstars, der fälschlicher Weise in einem Treppenhaus verhaftet wird. Seitdem kennen wir uns und haben auch schon viele Sachen gemacht. Insbesondere vor 2 Jahren, ein Fernsehfilm während der Pandemie, der hieß „Für immer Sommer 90“. Eine Figur, die sehr viel zuschauen muss und gucken muss und das ist für einen Schauspieler schon fast das schwierigste, einen passiven Helden zu spielen. Der muss manchmal mit einem Augenzwinkern 20 Seiten Roman spielen. Diesen Magnetismus, den er hat, den haben eben kaum Leute. Trotzdem musste ich ihn natürlich überzeugen, das Drehbuch hat ihn auch überzeugt Und natürlich auch unsere gemeinsame Arbeitsbiographie. Da haben wir uns auch zusammen fallen lassen müssen. Wenn man so Szenen hat, vielleicht nur 5 Stück, weil alle so kurz sind, vielleicht nur so eine Minute lang, wenn das alles so als Fragmente aufgebaut ist, wie Mosaiksteine, dann ist das schon sehr anspruchsvoll. Da muss sich ein Schauspieler auch darauf verlassen können. Das Bild, der Ton und die Musik müssen am Ende auch eine Geschichte erzählen und er hat ja nur immer einen kleinen Abdruck darin hinterlassen kann. Es sind zwar viele wichtige Abdrücke, aber da gehört ein großes Maß an gegenseitigem Vertrauen dazu. Das haben wir gehabt und dann kam eben noch die Sache dazu, dass wir eben zwei Filme gedreht haben, denn wir haben ja in zwei Sprachen produziert. Einmal in hochdeutscher Sprache und einmal auf norddeutschem Platt. Wir spielten alles durch, jede Einstellung ist doppelt gedreht. Da hat er immer mal nur zwei Versuche und dann muss es weitergehen. Also, dass wir das geschafft haben, ist mir manchmal selber rätselhaft. Aber das hat dann eben auch etwas mit so einem großartigen Hauptdarsteller zu tun. 

Zuschauer: Das spielt 2012?

Jessen: Ja, das spielt 2012. 

Zuschauerin: Ihr hab den Film in meiner Herkunftsregion gedreht. Ich bin auch mit Plattdeutsch groß geworden. Ich war vorher ganz skeptisch, ob ihr das hinbekommt. Ich bin sehr erstaunt, weil es einfach total gut geworden ist. Also, konnten die das zum Teil schon vorher sprechen? 

Jessen: Dankeschön, erst einmal für das Lob. Niemand konnte das. Alle mussten das üben. Es gab Leute, die mehr davon Ahnung hatten, wie z.B. Rainer Bock, der den jungen Söhnke spielt, der kommt aus Kiel. Sein Vater hat da einen Landhandel, der ist da viel in Schleswig Holstein herumgekommen. Der hat vielleicht am ehesten dieses natürliche Gen implementiert bekommen. Aber der kommt ja so gesehen von der Ostküste, der spricht ja eigentlich etwas ganz anderes. Wir haben dann später noch im Tonstudio einzelne Silben ausgetauscht. Dörte Hansen hatte auf einem Audiotape alles aufgesprochen und alle Darsteller mussten sich das anhören, um das dann reproduzieren zu können. Einige konnten es besser, andere brauchten mehrere Anläufe. Aber auch das war ein totaler Blindflug auf Hoffnung und Vertrauen gebaut. Wir dachten, das ist auch nur so eine „Special Interest“ Fassung. Dass uns diese plattdeutsche Fassung dann doch jetzt weiter getragen hat, als wir für möglich gehalten haben, das hätten wir nicht gedacht. Anscheinend hat diese Fassung die Leute doch noch mehr getragen. Es ist auch irre, dass das geklappt hat. Aber am Ende habe ich eben mit Dörte Hansen im Tonstudio gesessen und wie mit der Nagelschere die Silben ausgetauscht, denn einige Sachen haben auch nicht geklappt. Es gab so 5 oder 6 Sachen, die konnten wir nicht ändern, aber alles andere haben wir so gut gemacht, wie wir es eben konnten. 

Zuschauer: Im Buch gab es ja sehr viel Neil Young Musik. Ich habe irgendwo gelesen, das er die Lieder nicht frei gegeben hatte. Wie kam es dazu?

Jessen: Die Hauptfigur versucht im Buch mit Neil Young Musik sein Schlager-Musik-Trauma auszukurieren. Nun ist es so gewesen, dass Neil Young seine Rechte für 300 Millionen Dollar an einen amerikanischen Hedge-Fond verkauft hat und trotzdem bei einer Verwertung noch zustimmen muss. Gerade für den deutschsprachigen Raum ist das Urheberrecht noch sehr unveräußerlich. Und seitdem geht Neil Young auch nicht mehr ans Telefon. Ich bin jetzt aber gar nicht mehr so böse. Ich hab mich da ganz gegrämt, am Anfang, aber ich finde, die Songs, die jetzt da drin sind, die haben dann auch nicht mehr so ein kulturhistorisches Echo, was ja sehr viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen würde. So bleibt der Fokus etwas mehr beim Film. Wenn Neil Young jetzt zugesagt hätte, dann würde ich vielleicht jetzt hier das Gegenteil behaupten, aber ich finde, so wie es jetzt ist, ganz schön. 

Zuschauerin: Erst einmal wollte ich mich bedanken, dass sie uns so einen Einblick geben in ihre Arbeit. Das finde ich total spannend. Aber dann hätte ich noch eine Frage. Ich habe das Buch gar nicht dazu gelesen. Da wird ein Gerücht von einem Kneipenbesucher geschürt und zu dem Jungen gesagt: „Ja, das ist ja deine Mutter.“

Jessen: Ja, deine richtige Mutter. 

Zuschauerin: Ja, genau. Wer ist denn jetzt seine richtige Mutter? 

Jessen: Ja, sie ist die richtige Mutter! Das ist etwas Kuddelmuddel. Man kann das Buch auch danach noch mal lesen, denn es ist länger als der Film. Das Hörbuch ist 20 Stunden. Also, man hätte sozusagen 18,5 Stunden noch an Luft, nach hinten raus, um mehr zu verstehen.

Zuschauer: Ich komme aus Friesland und ich kann mir das alles sehr gut vorstellen. Denn es steht ja für eine Entwicklung, die wir in gesamten Duetschland erlebt haben und das ist ja hier auch ganz gut gelungen. Aber wenn du erzählst, dass ihr das in zwei Sprachen gemacht habt, wie ist es denn gelungen das Geld für diese Produktion zusammenzuholen?

Jessen: Die normale Finanzierung war eigentlich ganz okay. Das ist natürlich ein Bestseller. Es sind 800.000 Bücher verkauft worden und dann noch mit einem bekannten Hauptdarsteller, das macht natürlich einen guten Einstieg. Die ganzen Förderungen hier in Norddeutschland, das lief ganz gut. Wir sind dann bundesweit eher als Regionalliga wahrgenommen worden. Dass heisst, die ganzen Bundesförderungen haben wir nicht bekommen. Ich hab das mit der plattdeutschen Fassung so nebenbei gemacht, weil ich dachte ich bekomme hinterher schon das Geld. Das ist mir auch zum großen Teil gelungen. Wir haben es dann einfach doch gemacht. Man macht dann eben Sachen, von denen man glaubt, dass sie richtig sind und hofft, dass es schon gut geht. Aber es war schon ein sehr großes Wagnis, wir hätten damit auch Pleite gehen können. Ich hatte das Gefühl, wenn wir das nur auf Hochdeutsch machen, würde es dem Buch nicht gerecht werden. Irgendwie hat das Plattdeutsche so gerufen und gefordert und hat dann auch sehr stark Besitz von dem ganzen Film ergriffen. Wir dachten, ach, das machen wir so nebenbei mit. Doch schon am zweiten Drehtag kamen die Darsteller schon zu mir und sagten: „Können wir nicht die plattdeutsche Fassung immer zuerst drehen und dann den Rest?“ Das hat sich eben sehr stark auf die Gestik und Habitus der Darsteller ausgewirkt. Der Film ist sozusagen vom Kopf, in den Magen, in den Bauch gesackt, durch das Plattdeutsche. Das war ein wahnsinniges Glück, dass wir das einfach so gemacht haben. Wir sind nicht pleite gegangen und es gibt wichtigere Dinge alles Geld. Wir können auch damit überleben und das ist auch okay. Aber das, was der Film mit den Menschen macht, das ist viel wertvoller als das Geld, was man damit verdienen kann. 

Zuschauerin: Wie ist das eigentlich als Regisseur, mit dem Film auf Reisen zu gehen? Ich habe das jetzt zum ersten Mal erlebt, ich wusste gar nicht, dass es so etwas gibt. 

Jessen: Das man damit eine kleine Kino-Tour macht, ist schon üblich. Ich liebe das eben so sehr, dass ich das auch sehr exzessiv mache. Was gibt es schöneres, als mit Leuten diesen Film zu sehen und sich dann auch noch darüber zu unterhalten. Das unterscheidet uns ja auch unwesentlichen von der Fernseharbeit. Da hat man dann am nächsten Morgen um 8:00 Uhr eine abstrakte Zahl und weiß dann, aha, das haben also 2 Millionen oder 8 Millionen geguckt. Und dann noch die Möglichkeit diese Orte, wie dieses wunderschöne Kino kennenzulernen, tolle Leute wie Jörg-Peter kennenzulernen, die die Fahne der Kultur hochhalten, die sich so einsetzen! (Applaus)

Dass wir gemeinsam etwas machen können und meine Arbeit und die Gemeinschaft stärken, deswegen ist das jetzt hier mein 33. Kino und nächste Woche sind schon die SchulkinoWochen. Da bin ich auch wieder unterwegs und gucke mit Schülern und Schülerinnen den Film und diskutiere, was die jungen Leute dazu sagen. Und mein Ziel ist es , mindestens so viele Kinos zu machen wie Volker Schlöndorff mit seinem Film „Der Waldmacher“. Der hat irgendwie 50 geschafft. Ich will ihm jetzt auch nicht zu nahe treten, bei mir würden mir auch 49 Kinos reichen. Ein paar sind noch übrig. 

Zuschauerin: Als ich das Buch gelesen habe, da dachte ich, wow, das ist ja wie aus meiner Jugend. Ich komme vom Bauernhof und es gab ganz schön viel Tristess. Und du kommst glaube ich aus Dithmarschen, ich glaube, du bist etwas anders aufgewachsen. Aber hast du auch so ein Gefühl gehabt, dass der Roman etwas mit deiner Biographie zu tun hat? 

Jessen: Ja, also das hat bei mir total angeschlagen. In dem Buch ist ja auch noch so eine Aussteiger-Gemeinschaft drin, die ich jetzt aber nicht übernommen habe. Ich bin selber, in meiner Jugend, mit meiner Mutter in solch eine Aussteiger-Gemeinschaft gezogen und hatte da keine so leichte Zeit und ich bin so ein bißchen von dem Dorf, von den Hippies gerettet worden. Die haben mich da so genommen, wie ich war. Ich konnte da auch in die Kneipe gehen und dort mein Eis holen und Erdnüsse, so wie die Figur im Film das auch tut. Dort wurde man aufgefangen über die Jahre. Da sind noch ganz viele andere Querverweise, ich habe auch ein ganz wichtiges Verhältnis zu meinen Großeltern gehabt. Ich habe auch wie Ingwer in Kiel am historischen Seminar studiert. Daher kenne ich auch dieses Pendeln von der Ostküste zur Westküste, was wir in Diethmarschen „Zwischenfahren“ nennen. Da ist man immer so ein bißchen zwischen den Welten. Das ist bei mir bis heute so. Ich wohne jetzt hauptsächlich in Hamburg, aber wenn ich dann immer nach Hause fahre und über den Nord-Ostsee-Kanal komme, so wie hier über die Brücke, dann merkt man einen anderen Rhythmus, der dann beginnt. Deswegen hat das bei mir so wahnsinnig reingehauen, schon beim Lesen des Buches. Ich hatte jetzt also das Glück, das so weit umsetzen zu können. 

Zuschauerin: Das ist ein total schöner und berührender Film geworden und es wäre absolut schade gewesen, wenn der nicht auf Plattdeutsch gewesen wäre.


Donnerstag, 27. April 2023

CHRISTIAN PETZOLD: "Undine"

KINOGESPRÄCH MIT CHRISTIAN PETZOLD & PAULA BEER  am 30.06.2020 im ZEISE KINO HAMBURG



Matthias Elwardt: Herzlich Willkommen Paula Beer, die für die Rolle in „Undine“ einen silbernen Bären auf der Berlinale bekommen hat. (Applaus) Und sie hat auch schon 2016 für „Franz“ von Francois Ozon den „Marcello Mastroiani-Preis“ bei den Filmfestspielen in Venedig bekommen. Es gibt 3 große A-Festivals und zwei hat sie davon schon als Schauspielerin gewonnen. (Applaus)

Lieber Christian. Was waren die ersten Bilder, die ersten Ideen für diesen Film? Du hast ja davor schon mit Paula Beer und Franz Zogowski „Transit“ gedreht. Hat das eine Rolle gespielt? Hast du die beiden im Kopf gehabt und gedacht, ich erzähle eine Liebesgeschichte?


Christian Petzold: Wir haben bei „Transit“ melancholische Nachmittage verbracht, als wir zum Ende der Drehtage kamen. Ich war so begeistert von den beiden. Paula stirbt, sie ertrinkt im Mittelmeer. Und Franz wartet auf sie. Irgendwann saßen wir in der Pizzeria und da habe ich, weil ich mit beiden weiterarbeiten wollte, schnell eine Geschichte erfunden. Ich habe so getan, als ob da schon 120 fertige Seiten bei mir zu Hause in der Schublade liegen. Ich habe mich auf mein Talent für Improvisation verlassen. Die haben mich aber sofort durchschaut, haben es mir aber nicht gesagt. Ich hatte mir vorgestellt, dass es da eine Geschichte gibt, von einer Frau, die aus dem Wasser kommt und auf dem Land ihren Geliebten sucht. Es geht um einen Geliebten, der dann ins Wasser geht, um dort seine Geliebte zu suchen. Und die beiden begegnen sich in dem Film „Undine“.

Ich wollte nur noch kurz sagen: Das ist jetzt das 5. Kino, in dem ich bin. Ich sehe wieder Publikum! Ich hatte eine Corona-Erkrankung und habe sehr viel Netflix konsumiert. Auch das ZDF-Archiv "Sportstudio" von 1966 kam zur Geltung. Und da hab ich mir so gedacht: Als ich meine Frau kennengelernt habe, lebte sie in so einem Mietshaus in Berlin-Moabit. Der Sohn des Besitzers hatte ein Haus gegenüber, ein Loft. Dort baute er sich eine Bar rein. Nach drei Wochen war diese Bar fertig. Ich sah ich ihn dort alleine sitzen, an seiner Bar. Er trank da mit sich selber. Und ich dachte bei dieser Erinnerung: So ähnlich ist Netflix. Es können mir Leute erzählen, dass sie zu Hause einen 4 K Beamer haben, wie zum Beispiel mein Kameramann. Der hat 5x9 Meter und Soundsystem. Aber man bleibt immer der Mann, der allein an seiner Bar sitzt. Das Kino ist ein Ort, wo man sich gemeinsam in die Einsamkeit stürzen kann. Wenn man dann hier so in den Saal sieht, das sieht ja so ein bisschen aus wie im Fußballstadion von Borussia Mönchengladbach. Aber immer noch besser als der Mann in seiner Bar, der ja nur noch an Selbstmord denken kann. (Raunen im Saal. Wegen der Pandemie konnten nur 1/3 durch Plätze im Kino besetzt werden.)

Aber die Antwort auf deine Frage habe ich doch trotzdem gegeben, oder? (zu Matthias Elwardt).

Ich habe die Undine Geschichte den beiden erzählt und hab mich dadurch verpflichtet, während wir schon „Transit“ geschnitten haben, jene zu entwickeln. Im selben Jahr, im Herbst, habe ich euch das Drehbuch gegeben. Oder vertue ich mich jetzt um 15 Jahre? Nein! Zur Buchmesse! Da bekam Paula den hessischen Filmpreis? Nein, das war ein Jahr später. Ich habe übrigens noch nie einen Politiker wie Volker Bouffier gesehen. CDU ist echt nicht mein Ding. Der Typ schlief zwei Stunden, wachte auf, ging auf die Bühne, hielt eine gute freie Rede, ging wieder zurück und schlief weiter. Während hinter ihm Michael Madsen saß, der aus „Pulp Fiction“ mit dem Cowboyhut, der hatte komplett durchgeschlafen. Bei dieser Veranstaltung habe ich Paula getroffen. Und da hat sie zu mir gesagt: „Das Drehbuch ist gut, das können wir drehen“.


Matthias Elwardt: Paula, wie war das für dich? Ist das ein Dremteam für dich mit Franz und Christian?

Paula Beer: D
as schwingt natürlich mit. Aber für mich war es das erste Mal, dass ich in so kurzer Zeit mit dem gleichen Regisseur und mit dem gleichen Spielpartner zusammenarbeitete. Deshalb dachte ich schon beim lesen, dass das schon schön wäre, wenn das Drehbuch jetzt noch gut wäre. Während der Zeit zu dieser Preisverleihung in Frankfurt wollte ich das Drehbuch in meinem Hotel unten in der Rezeption ausdrucken lassen. Aber dann gab es einen Formatierungsfehler von dem Dokument. Bei 400 Seiten konnte ich immer nur 4 Sätze lesen...


Christian Petzold: Das waren 400 Seiten?


Paula Beer: Ja! So war es aber ganz schön ,weil es dann wie so ein Märchenbuch war. Man blättert nur so ganz langsam durch, weil man ewig lang braucht. Ich fand es sehr schön, weil es von Anfang an so ein Traumcharakter hatte, eine sehr langsame Geschichte, die irgendwo in Berlin und eigentlich überhaupt nicht in Berlin stattfindet. Dann war ich sehr euphorisch. Also es war eines der wenigen Bücher, wo ich von Anfang an gespürt habe, dass wird eine wunderschöne Reise.


Matthias Elwardt: Und war es schwer für dich in diese Rolle reinzukommen? Hast du dir Stadtführung eigentlich angeguckt? Wie bist du in die Rolle reingekommen? (Paula Beer spielt eine City-Guide für Berliner Architektur.)


Paula Beer: Ich habe tatsächlich überlegt, ob ich das für die Vorbereitung der Rolle mal machen sollte. Habe mich dann aber für die Märchenseite entschieden. Beim Film hat man so selten eine Figur, die so fantastisch ist und so mythisch aufgeladen. Es ist eben kein Märchenfilm, wo man in einem wallenden Kleid auf einem Pferd durch den Wald reitet. Eher ein Märchen, das in unserer heutigen Alltagswelt erzählt wird. Deshalb hatte ich Lust diesen Märchen- und Nymphencharakter erst mal so anzugehen und in unsere Welt zu bringen. Ich habe mich ganz viel mit Sagen beschäftigt, weil ich Märchen schon als Kind geliebt habe. Dieses Träumen in eine Welt, wo es Hexen und Elfen und Zauberer gibt, damit habe ich mich erst einmal beschäftigt. Auch was dieses Element Wasser angeht, warum es so viele Sagen gibt und was damit erklärt wird, das war spannend. Wasser ist im Märchen immer etwas sinnliches und weiches. Aber immer ist diese Kraft des Tötens oder diese Brutalität darin enthalten. Ganz viele Nymphen werden als sensibel, erotisch, schön und mit einer unheimlichen Kraft beschrieben. Das fand ich bei UNDINE schön, dass sie keine Projektion einer perfekten Liebe ist, sondern auch das Spiel mit dem Feuer. Sie wird dich ertränken, wenn du ihr das Herz brichst.


Matthias Elwardt: Christian, das ist ja dein erster Special Effekt Film, wenn ich mich richtig erinnere. Das war wohl sehr aufwendig. Wie ist das, unter Wasser zu drehen? Wie arbeitet mal als Regisseur unter Wasser? Wie bringt man eigentlich Wasser so auf die Leinwand?

Christian Petzold: Der erste Special Effect, den ich je machen musste, war beim „Polizeiruf“, weil bei einem Passanten, der durch das Bild lief, von dem hatten wir keine Persönlichkeitsrechte eingeholt. Der Praktikant war im Wohnwagen eingeschlafen. Somit mussten wir den Passanten wegretuschieren. Ich wollte nicht unbedingt Computersachen machen. Ich wollte wirklich eher eine Zauberwelt bauen, weil die Schauspieler auch verzaubert werden müssen. Die arbeiten wirklich unter Wasser, vor den Turbinen und zwischen Wasserpflanzen. Nur der Fisch, der ist wirklich Special Effect!

Sonst ist alles ziemlich echt. Nur eine Sache musste wir machen: Als Franz geweint hat und „Undine“ rief, brauchten wir zwei F/X Einstellungen. Tränen kann man nicht wiederholen und ich sagte: „Die Träne mache ich mit dem Computer.“ Und ja, das hat Arbeit gemacht! Computer können nicht weinen! Es war ganz schön viel Aufwand, die Träne zu finden, die genau so läuft, wie man es haben will. Beim Fernsehen benutzt man immer ein Gel. Damit die Träne schön langsam herunter rinnt. Die echten Tränen, die wir vergiessen, wenn man z.B. beim Fußball nicht aufsteigt, da gehen die Tränen immer ganz schnell. Aber das war eine gute Produktion mit den CGI-Leuten, die sonst immer Christopher Nolan arbeiten. Da war sofort so eine komische Sympathie. Einer von denen mag die Berliner Schule so gerne. Ich mag Action-Sequenzen ganz gerne. So konnten wir uns eingestehen, dass wir jeweils die andere Seite sehr lieben. Wir träumen auch gemeinsam davon, dass das Kino keine Trennung zwischen diesen Bereichen hat. Wir haben uns sehr gut verstanden. Der F/X Operator ist  auch Tauchen gegangen. Er war bei jedem Tauchgang dabei und hat sich dann immer alles mit angeguckt. Ich war auch bei ihm, wo er mit den vielen Computern gearbeitet hat. Mit seinen 35 Leuten, die dort arbeiten, in einem Loft über der Spree habe ich gequatscht, über vegetarisches Essen und ihre Eindrücke im „Berghain“ letzte Nacht.

Day for Night haben wir auch gemacht. Weil ich das märchenhafter finde, nicht in der Nacht zu drehen, sondern in einer „Amerikanischen Nacht“. Diese Einfärbung, diese Entsättigung hat aber Hans Fromm gemacht. Das haben nicht die Special Effect Leute gemacht.


Zuschauerin: Wie hast du das mit dem Aquarium gemacht?


Christian Petzold: Das war echt. Wir hatten ein riesiges Aquarium, das kannst du dir nicht vorstellen, da waren glaube ich 1200 Liter drin. Eins wurde in Berlin gebaut für die Explosion. Das war eine Katastrophe. Da flogen die Splitter 40m weit und haben Leute verletzt, die da am Bahndamm entlang gegangen sind. Dann haben wir das noch mal neu gebaut. Wir drehten im Märkischen Museum, wo aber Sprengungen verboten sind, weil es da keinen Raum gibt. So haben wir bei Schloss Burg bei Solingen einen Raum gefunden, wo wir Sprengungen machen können. Den haben wir dann zu einem Café umgebaut. Wenn sie da die Treppe hochgehen in Berlin, in dieses Lokal hinein, dann ist das nächste Lokal 600km entfernt. Das merkt man dann aber nicht. Dann war der große Tag der Sprengung. Es waren auch echt Fische drin. Und dann gab es ja im Team diese Vegetarier, die dann unbedingt wollten, dass kein Fisch stirbt.


Paula Beer: Da waren echte Fische drin? Nein. Die waren doch aus Plastik, oder?


Christian Petzold: Nein, die waren echt. Die haben wir gesprengt! Das stimmt! Die waren da drin. Und die Gummifische sind später auf dem Boden! Nach der Sprenung sind die Praktikanten sofort hin und haben die Fische gerettet. Dann kam das „okay“. Alle haben überlebt. Dann war Ruhe im Team. Und dann konnten wir über das künstlerische wieder reden. Wir haben diese Fische nachgebaut, die bestanden aus so einer Zuckermasse, so ein Gele. Da kostet jeder Fisch 250 Euro. Und dann wurden die mit Nylonfäden animiert. 

Publikum lacht. 

Ja, das stimmt wirklich alles. Es war alles echt. Es war kein Computer. Da saßen wir dann draussen und drinnen wurden die 3 Kameras aktiviert und dieses Ding flog auseinander. Dann kamen wir rein und haben zwei Tage aufgeräumt. Später haben wir noch mal eine Schräge gebaut, wo diese Wassermassen und die Glassplitter auf die Kamera zukommen. Aber die waren aus Gummi und Silikon, weil es ja sonst jemanden hätte verletzen können. Ich persönlich finde Special Effect-Tage langweilig. Alle sind dann immer so aufgeregt, wie bei einer Mondlandung. Es klappt oder es klappt nicht. Und wenn es nicht klappt, dann machen wir es noch mal. Das ist alles Planung. Es ist viel wichtiger, wo die beiden sich küssen. Wenn das wahrhaftig ist, dann interessiert mich das mehr. Bei F/X sind alle immer so aufgeregt und alles überschlägt sich. Das ganze Team steht dann da. Danach werden die Typen, die das ihr ganzes Leben für „Cobra“ und „Autobahhnpolizei“ machen beglück-wünscht und umarmt. Interessiert mich alles nicht. Ja, ist doch wahr. 

Publikum lacht und klatscht.


Matthias Elwardt: Wie ist es denn Unterwasser zu spielen? Und wie ist es unter Wasser Regie zu führen? Hatten Paula und Franz ein Knopf im Ohr? Du kannst ja gar nicht gut kommunizieren, oder?


Christian Petzold: Nein, das ist eine logistische Arbeit, die 4-5 Wochen Vorbereitung bedeutet. Im Wasser sind Lautsprechersysteme. Da darf natürlich nur einer Reden und das war auch ein Problem, denn jeder will ja etwas reden. Da sagt der Beleuchter, „ja dreh mal nach links“ dann der Kameramann „Schärfe“ ruft und so weiter. Das macht ja die Schauspieler verrückt, deshalb war es verboten zu sprechen. Nur wenn eine Szene fertig war, haben wir vorher Storyboards gezeichnet, damit klar war, was die beiden machen. Für mich begann dann die allerschwerste Zeit. Special Effect ist schon scheiße, aber oben am Beckenrand zu stehen und da unten sind die „Koi-Karpfen-Schauspieler“ und ich kann nichts machen. Sie können dann machen, was sie wollen. Es gibt keine Regie. Und mit diesem Kontrollverlust musste ich klar kommen. Und das hat mir, glaube ich, Spass gemacht, dieser Kontrollverlust. Und den beiden auch.


Mathias Elwardt: Wie habt ihr das gemacht? Hast du vorher mit Franz geprobt, bevor er ins Wasser ging? Oder habt ihr Absprachen getroffen? Wie sind die Szenen entstanden zwischen Euch?


Paula Beer: Wir hatten zur Vorbereitung Tauchtraining und ich habe auch schon mal unter Wasser gedreht. Ich fand das damals aber auch sehr aufregend, weil das auch mit der Vorbereitung recht schnell ging. Da hab ich dann auch meinen Tauchschein gemacht. Das war jetzt total schön, weil wir zur Vorbereitung unter Wasser noch mal ein paar Tage hatten. Die Unterwasser-Tage waren auch tatsächlich unsere ersten Drehtage. Es waren 40 Grad in Berlin. Wir hatten in Babelsberg dieses 5 Meter mal 5 Meter Becken aufgebaut. Es war wie ein Klotz in dieser Halle. Da ging es in unsere Unterwasserwelt, wo alles dann drin aufgebaut war und das war dann auch wie ein Unterwasserspielplatz. Das was man im Film sieht, das haben wir dann auch in echt gesehen. Außer die schwarzen Wände, wo dann noch ein paar Kreuze sind, damit dort der ganze See reingebastelt werden kann. Das hat wahnsinnig Spass gemacht, wirklich beschreiben kann man das ja nicht. Wir wussten nur, hier geht es rein, da geht es runter. Und weil Christian nicht mit im Wasser war, ist es dann auch ein anderes Gefühl, wenn man dann selbst unter Wasser merkt, ich kann mich gar nicht so schnell bewegen, weil das Wasser einfach mehr Widerstand hat. Wenn man einatmet, steigt man nach oben und wenn man dann unterschiedlich atmet, dann geht der ein runter, während der andere hoch geht. Aber man soll eigentlich nebeneinander agieren. Die Aufnahme hat es etwas gedauert, bis diese Tanzchoreographie funktioniert hat. Mir hat das wahnsinnig Spass gemacht, weil es alles ewig dauert. Da kommt so eine Anweisung und du fragst dich unter Wasser: „Was?“ Und über Wasser fragen sie sich: „Warum machen die das nicht?“ Dann ist plötzlich eine Unterwasserpflanze im Weg. Die muss wieder bewegt werden und bis die dann wieder still steht, dauert es auch noch mal 10 Minuten. So war das alles sehr langsam, sehr entschleunigt und dadurch wahnsinnig schön und entspannt.


Petzold: Das hatte sie offensichtlich. Ich hatte auch Storyboards, die ich sonst nicht mache. Ich sage den Schauspielern nicht, wo sie sich hinstellen sollen und deute auf das Kreuz und sage: „Da ist schönes Licht“. Sondern die Kameraeinstellungen werden nach den Proben festgelegt, von dem ausgehend, was die Schauspieler gemacht haben. Der Raum, den sie geschaffen haben, wird genutzt. Aber unter Wasser geht das ja nicht. Aber ich wollte gerne, das sie vorher das Storyboard sehen und vorher wissen was wir machen. Unsere Zeichnerin, die sonst Graphik Novels macht, hat Bilder vorher erschaffen, die hatten auch ihren Zauber. Zum Beispiel das Motiv als Paula auf der Wasseroberfläche treibt oder mit dem Wels in der Höhle verschwindet. Das wurde alles vorher gezeichnet, damit den Schauspielern auch klar wird, wie zauberhaft das alles aussehen könnte. Damit wird das nicht ausschließlich eine technische Geschichte.


Matthias Elwardt: Wann und wie bist du eigentlich über „Undine“ gestolpert? Was war der Auslöser für dieses Märchen? Wie ist es überhaupt zu einem Märchen gekommen?


Petzold: Ich habe früher meinen Kindern alle Märchen vorgelesen. Und da musste man immer etwas voraus lesen, weil Märchen manchmal äußerst brutal sind. Mit dem einen Auge liest man dann schon mal da hin und kann das dann etwas variieren, wenn denn da „der weisse Leib durchtrennt wird“ oder wegen dem Ring der Finger einer jungen Frau abgetrennt wird. Das muss man ja nicht einem dreijährigen Mädchen vorlesen. Weil man ja selbst irgendwann wieder Schlaf finden möchte. Da habe ich sehr viele Märchen gelesen und „Undine“ kannte ich als Märchen, interessierte mich aber nicht so richtig. Ich bin nicht so ein Sirenen- oder Wassernymphen-Fan. Ich habe dann aber das Buch von Ingeborg Bachmann „Undine geht“ gelesen und habe gedacht, das ist ja mal etwas Neues! Eine Frau lässt die Muse der Männer sprechen und sagt: „Ich will aus euren Projektionen raus. Aber ich bin aus euren Projektionen geschaffen.“ Ja. Das ist ein Widerspruch, der mich zerreißt. Und diese Zerrissenheit ist eine Position, wo das Kino auch seine Geschichten findet. Und das hat mich interessiert. Und dann habe ich Paula kennengelernt und gewusst, die ist frech und selbstbestimmt. Das hat mir sehr gefallen.


Matthias Elwardt: War für dich schon immer klar, dass du die Geschichte so ausgehen lässt?


Petzold: Ja, das war für mich immer schon so klar, stand auch im Buch so drin. Wie es ausgeht weiss ich, aber ich weiss nicht, wie es aussieht. Das gewinnt man ja eigentlich durch die Arbeit. Wir haben ja schnell chronologisch geschrieben, wir haben nur den Schluss in Berlin, weil Franz noch zu einem Dreh musste, mit Paula alleine gedreht. Ich wusste, dass der Schluss „Undine“ gehört und der Anfang auch. Es ist ja ein Film mit ihr und es musste mit einem Blick von ihr aufhören. Aber ich wusste nicht, wie er aussieht. Als wir dann dort an dieser Talsperre waren, da wusste ich, dass die beiden da oben auf dieser schönen Staumauer entlanggehen. Die beiden, die jetzt Vater, Mutter und Kind werden und Undine, die zurückbleibt und langsam wieder in den Fluten versinkt.


Matthias Elwardt: Paula. Wie ist das, wenn man zwei so große Festivals gewinnt? Verändert das die Arbeit, verändert das die Angebote, was macht das mit einem, wenn man das fragen darf?


Paula Beer: Weiß ich nicht so genau. Beide mal habe ich das als sehr absurd, aber auch sehr schön und als riesengroße Ehrung erlebt. Bei so einem Festival habe ich das Gefühl, ein Teil dieses Festivals zu werden. Dort in Betracht zu kommen, dafür musst du ja auch noch im Wettbewerb sein. Und dann auch noch von einer internationalen Jury ausgewählt zu werden, finde ich eine enorme Anerkennung. Aber was das dann bewirkt oder bringt sieht man dann erst ein paar Jahre später.


Matthias Elwardt: Bei „Franz“ war es ja noch etwas anderes, weil es eine französische Produktion war, wo du ja auch noch französisch gesprochen hast. Sind die Schuhe dann so groß, wie die von Romy Schneider? Oder wie wird man da in Frankreich wahrgenommen?


Paula Beer: Dieser Vergleich zu Romy Schneider wurde öfter mal gemacht, aber ich hatte das Gefühl, dass Vergleiche eher dazu gemacht werden, um es jemanden näher zu bringen. Oder wenn jemand durch jemanden mit einem Gefühl näher gebracht wird, so nach dem Motto: „Ach, das fühlt sich so an, wie damals bei...“ Daher dachte ich, ach, das ist ja total schön, weil ich Romy Schneider als eine sehr tolle Schauspielerin sehe. Und ich erlebe Auszeichnungen nicht als Druck, ich hab sie mir ja nicht selbst ausgesucht. Und wenn die Leute das in mir sehen und sie sich täuschen, ist es ja ihr Fehler und nicht meiner.


Petzold: Als wir in Frankreich waren, wo ich mich mit Corona infiziert hatte, da waren wir in einer Pizzeria. Und da saß am Nebentisch Catherine Deneuve. Die hatte 4 Monate zuvor zwei Schlaganfälle gehabt. Die rauchte und trank Rosé und die Leute in der Pizzeria waren froh, dass es ihr gut ging, belästigten sie nicht. Und da dachte ich daran, wie Franzosen mit ihren Schauspielern umgehen, also Isabelle Hubert oder eben früher Romy Schneider. Die waren Teil der Kultur, die gehörten ihnen und man liess sie in Ruhe. Und da ist irgendwas, was mir daran gefällt in diesem Umgang. Als Picolli starb, kamen 30.000 Menschen zur Beerdigung. Und gleichzeitig konnte der immer durch Paris gehen. „Der gehört zu uns, der ist in Ordnung.“ Und das ist so etwas, das wünsche ich mir auch, dass man hier auch so mit den Schauspielern umgeht, dass die nach zwei Schlaganfällen mit Rosé und Zigarette im Cafe sitzen können und alle sagen: „Hey gut, dass du wieder da bist. Ja, das ist für mich ein Gefühl von Kultur.

Elwardt: War das immer die Idee, dass Undine eine Stadtführerin ist? Auch mit der Geschichte von Berlin und überhaupt von einer Stadt? Deine Filme haben ja auch immer ganz viel Architektur, Räume und Städte als Thema.

Petzold: Ganz ursprünglich sollte es mal ein Kurzfilm sein. Und es spielte in Düsseldorf am Rhein. Und da wäre sie eine Museumsführerin gewesen, mit einer jungen Gruppe Studenten oder Schüler. Eine Installation von SteveMcQueen, der ja nachher Filmemacher geworden ist, heißt „Deep Empty“, glaube ich. Da gibt es eine Fahrt mit Robby Müller als Kameramann 300m tief in die südafrikanischen Silberminen und wo man denkt, dass ist die Hölle. Wo diese schwarzen Arbeiter auch heruntergekarrt werden. Da filmte der das einfach in Echtzeit, wie das da runter geht. Und jede 100m kommt da eine Neonröhre und blitzt auf. Man sieht diese Gesichter der Arbeiter. Und nachher werden die oben abgespült und etwas untersucht, ob die da vielleicht irgendetwas im Arsch haben und da rausschmuggeln wollen. Das ist ein unfassbar toller Film. Das sollte sie mal ursprünglich erklären im Kurzfilm. Dann habe ich durch meinen Freund Christoph Hochhäusler, der ja eigentlich Architekt ist, diese Ausstellung kennengelernt und einen Stadthistoriker, Bernd Heitmann, der auch die Texte für Paula geschrieben hat. Der hat mir eben Berlin erklärt. Berlin ist im Gegensatz zu Hamburg sehr... wie soll ich sagen... Fatih Akin sagt ja immer Hamburg ist geil! In Berlin sagt das keiner! Wenn man nach Köln kommt, Köln ist geil! Wenn man nach Frankfurt kommt…geile Stadt.Und ich fühl mich in Berlin einfach wohl, weil es da keiner sagt, weil Berlin ja nicht geil ist! Berlin muss man sich erarbeiten um es schön zu finden. Ja! Das bekommt man nicht in die Wiege gelegt. Und in der Ausstellung mit den Stadtmodellen muss man sich die Schönheit der Stadt Berlin erarbeiten, weil Berlin so nicht schön ist. Irgendwie unfreundlich und das Beste, was ein Berliner sagen kann ist „Kannste ja nich meckern!“ Also das ist dann schon höchste Stufe. Dabei mag ich Städte, in die man sich hineinarbeiten muss. Und ich mag Figuren oder Charaktere die mir bei dieser Arbeit helfen.Und als Paula diese Vorträge gehalten hat, haben wir keine Komparsen genommen, die sonst immer beim Berliner Tatort für 60 Euro gebucht werden und die ganze Zeit da mit einem Käsebrötchen herumstehen, sondern das waren richtige Studenten, die auch Ahnung haben von diesem Metier. Und unser Ziel war, dass Paula einen Vortrag hält, der auch einiges von ihr abverlangt. Das merkt man auch an diesen Szenen, dass dieses Publikum auch wirklich zuhört. Und wir waren alle, auch hinter der Kamera sehr begeistert. Wir hätten diesen Vortrag sehr gerne noch viel länger gehört. Aber dann schreiten wir hinaus in die Welt des Mythos.


Elwardt: Danke! Sie sind in guter Tradition eingeladen, sich an diesem Gespräch zu beteiligen. Wenn sie eine Frage haben, komme ich sehr gerne mit dem Mikrophon zu ihnen an ihren Platz.















MATTHIAS HUES "Karate Tiger 2", "Dark Angel" und "Legion Of The Dead"

PERSÖNLICHES INTERVIEW  mit MATTHIAS HUES  Foto von Dennis Albrecht am Set von „Legion Of The Dead“ Fragen von Christian Witte:  Du hast mit...